Zungenreden

Während die Welt durch Tele­kommunikation, Tourismus und Handel immer kleiner wird, ster­ben immer mehr Sprachen mit be­ängstigender Geschwindigkeit aus.

Von   James Geary (TIME 7.7.1997, p.44ff.)
Übersetzung: Friedhelm Schmitz

Der 33jährige Lehrer Jon Rowan sitzt mit einem Dutzend anderer An­gehöriger des amerikanischen Einge­borenenstammes der Tlingit [gesprochen: kling-it] im Kreis und murmelt verzweifelt: "Wir sind kleine Kinder. Alles, was wir sagen, ist Kleinkindgeplapper." Versammelt hat sich die Gruppe im Kommunikationszentrum von Klawock, einer Kleinstadt von etwa 800 Einwohnern am Ostrand der Prince-of-Wales-Insel. Im Golf von Alaska, rund 40 km vor der Küste von Alas­ka, hat sich die Prince-of-Wales-In­sel noch einen Zustand unberührter natürlicher Schönheit bewahrt. Aber dieser idyllische Landstrich ist die Heimat zumindest einer gefährdeten Art: der Tlingit-Sprache.


Rowan und seine Stammesbrüder
treffen sich alle vierzehn Tage zu solchen Sitzungen, um ihre Stammessprache zu lernen, ehe der letzte von den Alten des Stammes stirbt, der sie noch fließend be­herrscht. Rowans Verzweiflung macht aber deutlich, dass die Aufgabe immer schwerer wird, weil Tlingit ausstirbt. Noch vor vierzig Jahren beherrschte der ganze Stamm die Sprache fließend, eine Sprache mit vielen Kehllauten und für die Bedeutung wichtigen begleitenden Gesten. In ganz Südalaska und Teilen Kanadas wird sie heute nur noch von einer Handvoll Leuten gesprochen, die fast alle über 60 sind. Da Tlingit ursprünglich keine Schrift­sprache war, versuchen Rowan & Co. so viel davon wie möglich festzuhalten, indem sie so ungefähr alles, was ihnen in die Hand fällt, in Tlingit übersetzen, von Weihnachtsliedern wie Jingle Beils bis zu Kinderreimen wie Hickory Dickory Dock.

Der traurige Zustand des Tlingit ist eine kleine Seite in der modernen Version der Geschichte vom Turmbau zu Babel— mit umgekehrten Vorzeichen. Das Alte Testament beschreibt die ersten mythi­schen Menschen als "einer Sprache und einer Rede". In einer Ebene bauten sie eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reichte. Beleidigt von ihrer Unverschämtheit, etwas zu bauen, was seine eigene Schöpfung zu übertrumpfen suchte, bestrafte sie Gott, indem er ihre einheitliche Sprache in viele Sprachen zer­teilte und sie über die Erde verstreute. "Deshalb heißt sie Babel", sagt die Bibel, "weil der Herr dort die Sprache der ganzen Erde verwirrte."

Heute befindet sich diese Spra­chendiaspora in rückläufiger Entwicklung. Der Massentourismus läßt die Erde schrumpfen und bringt einst weit von­einander entfernte Völker in engen Kon­takt. Telekommunikationstechnologie und Internet versorgen Menschen von Peru bis Pennsylvanien mit Zugang zu identischer Information und Unterhaltung, während Verbraucher von Bangkok bis Brüssel zu den gleichen Läden gehen, um die gleichen Produkte zu kaufen, hergestellt von den­selben multinationalen Konzernen. Alle verständigen sich dabei in der Univer­salsprache von Popkultur und Reklame. Ein Großteil der Welt entwickelt sich anscheinend zu einer Art neuem Babel, einem vertrauten globalen Dörfchen ge­meinsamen Verstehens.

Und es gibt unleugbare Anzeichen dafür, daß die Anzahl der Sprachen in der Welt schrumpft: von den rund 6.500 z.Zt. gesprochenen Sprachen sind nahezu die Hälfte schon gefährdet oder im Begriff zu verschwinden. Nach Schätzung von Sprachwissenschaftlern stirbt alle vierzehn Tage irgendwo auf der Erde eine Sprache. "Weil mehr Konflikte zwischen den Sprachen der Welt entstanden sind, als jemals zuvor, verschwinden Sprachen mit wach­sender Geschwindigkeit", sagt Stephen Wurm, Professor emeritus an der Austra­lischen Nationaluniversität in Canberra und Herausgeber des Atlas o fthe World's Languages in Danger of Disappearing der UNESCO.

 

Wie alle Lebewesen sind auch Sprachen von ihrer Umgebung abhängig, wenn sie überleben wollen. Sterben sie aus, dann aus ähnlichen Ursachen wie Pflanzen- und Tierarten: Sie werden von Raubsprachen gefressen, ihrer natürlichen Lebensräume beraubt oder von erfolg­reicheren Rivalen verdrängt. Bei dieser Art linguistischer Naturauslese wird jedoch das Überleben der Stärksten nicht nur bestimmt von inneren Werten und Anpassungsfähigkeit; die wirtschaftliche Macht, militärische Stärke und das kul­turelle Ansehen des Landes, in dem die Sprache gesprochen wird, spielen eine ent­scheidende Rolle. Der Stern einer Sprache geht auf und versinkt mit dem Schicksal ihrer Sprecher. Als einzige verbliebene Supermacht sind die Vereinigten Staaten heute auf dem Höhepunkt ihrer wirt­schaftlichen und kulturellen Vormacht­stellung. Englisch blüht deshalb als die lingua franca der Welt, während die Sprachen von Minderheiten—wie Tlin­git—dem Druck mächtigerer Rivalen er­liegen.

 

Aber der Tod einer Sprache wie Tlingit bedeutet mehr als nur den Verlust einer obskuren, unverständlichen Zunge. Er kennzeichnet den Verlust einer ganzen Kultur. "So wie die Ausrottung einer Tier­art unsere Welt ärmer macht, tut es auch die Auslöschung einer Sprache", argumen­tiert Michael Krauss, Experte für gefährdete Sprachen an der Universität von Alaska in Fairbanks. "Jede Sprache ist ein so göttliches und unendliches Geheim­ nis wie ein Lebewesen. Sollten wir den  Verlust [einer Sprache] weniger betrauern als den Verlust des Pandas oder des Kali­fornischen Kondors?" Er sagt. "Wenn wir uns des Problems nicht bewusst werden, laufen wir Gefahr, im kommenden Jahr­hundert bis zu 95% unserer Sprachen zu verlieren." Eingeborenenvölker wartennicht auf den langsamen Tod sprachlicher Auslöschung. Sie treten deutlich ein für den Versuch, ihre gefährdeten Sprachen zu retten.

Herrschaftsinstrumente

Als Kolumbus 1492 in die Neue Welt aufbrach, stellte der mittelalterliche Sprachgelehrte Antonio de Nebrija eine spanische Grammatik zusammen, das erste derartige Werk für eine europäische Spra­che. Als er den Band Königin Isabella vor­legte, war die Monarchin verblüfft. "Wozu ist das?" fragte sie. "Ihre Majestät", erwi­derte der Bischof von Avila, "Sprache ist das vollkommene Herrschaftsinstrument."

Die europäischen Weltherrschafts­expeditionen des 16. und 17. Jahrhunderts läuteten das Ende für Tausende von Spra­chen in Nord- und Südamerika ein. In dem Maße, wie die Kontinente von den europäischen Mächten kolonialisiert und ihre Ureinwohner zu Randgruppen ge­macht wurden, verschwanden mit ihren Sprechern auch die eingeborenen Spra­chen. In Brasilien, z. B., sind schätzungs­weise 75% aller einst im Land gespro­chenen Sprachen seit der Ankunft der Por­tugiesen im Jahre 1500 untergegangen. Von den 180 übriggebliebenen Eingebore­nensprachen wird nur eine von mehr als 10.000 Menschen gesprochen, bei einer Gesamtbevölkerung von 160 Millionen. "Die Welt ist ein Mosaik aus Visionen", sagt Aryon Dall'Igna Rodrigues, Brasiliens führende Autorität für Eingeborenenspra­chen. "Mit jeder Sprache, die verschwin­det, .geht ein Stück dieses Mosaiks ver­loren."

Bei den Krenak in Südostbrasilien spricht nur noch eine Handvoll Alter unter den etwa 70 Stammesangehörigen ihre Muttersprache. Ursprünglich ein Stamm von Jägern und Sammlern, wurden die Krenak von Regierungsagenten aus ihrem Land vertrieben und in Reservate ge­pfercht, um Farmland zu gewinnen. Bis in die Fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts verboten katholische Missionare ihnen, ihre Rituale zu vollziehen oder ihre eigene Sprache zu sprechen. Mit der Entwurzelung vernichtete das Sprachverbot die mündliche Weitergabe der Stammeskultur. "Mündliche Überlieferungen werden bei der Weitergabe ständig erneuert", sagt Ailton Krenak (42), Stammesmitglied und Vorsitzender des Zentrums für Indianer­kultur, einer Organisation mit Sitz in Sao Paulo, die Brasiliens kulturelle Vielfalt för­dert. "Wenn eine Sprache nicht mehr ge­sprochen wird, ist es, als spieße man einen toten Schmetterling auf ein Brett—die Kette des Lebens ist abgerissen."

Aber Sprachen können bemer­kenswert widerstandsfähig sein. Wenn Im­perien zerfallen, entwickeln unterdrückte Sprachen eine Fähigkeit, aus den Rissen wieder hervor zu sprießen. Die Auflösung der Sowjetunion im Jahre 1991 verschaffte den Krenak eine unverhoffte Gelegenheit, einige zerbrochene Bindeglieder ihrer mündlichen Überlieferung auszubessern — und ein fehlendes Stück des Weltmosaiks wiederherzustellen.

Während der von dem russischen Präsidenten Michael Gorbatschow einge­leiteten Periode des Glasnost 1993 stol­perte die ungarische Sprachwissenschaft­lerin Eva Sebastien in den Archiven des Ethnographischen Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften über die Manuskripte des russischen Anthropo­logen Henrik Henrikowitsch Maniser, der um die Jahrhundertwende durch Brasilien gezogen war. Auf seinen Reisen hielt Ma­niser traditionelle Krenakerzählungen, -riten und -lieder fest, sowohl in Russisch als auch im ursprünglichen Krenak, wodurch er einen Schatz an Wörtern, Ausdrücken und Geschichten rettete, die die Krenak für endgültig verloren hielten. Durch Über­setzung vom Russischen ins Portugiesische und anschließenden Quervergleich mit Manisers Krenak ist Ailton gerade dabei, mehr von der verlorenen Sprache des Stammes zurück zu gewinnen und seinem Volk wiederzugeben. "Die Entdeckung dieser Wörter, Geschichten [und] Lieder bedeutet, den Pfad unseres Seins wieder ­zu finden", sagt er, "den Pfad unseres Traums."

Reichtum der Völker

Die Beispiele von sprachlichem Im­perialismus beschränken sich nicht auf das 16. und 17. Jahrhundert. Im 20. Jahrhun­dert hat oftmals politische Unterdrückung in Verbindung mit rascher Industrialisie­rung eine Sprache in den Untergang ge­trieben. In der ehemaligen Sowjetunion wurde das Landesprogramm der "Russifizierung" eingeborener Bevölkerungs­gruppen entlang der südlichen, nördlichen und pazifischen Grenzen in den Fünfziger Jahren intensiviert. Um Eingeborenen­kindern die russische Kultur einzuimpfen, wurden Internate eingerichtet, wo Kinder ab dem Alter von zwei (!) Jahren neun Monate des Jahres in einer vollständig russischen Umgebung leben mussten. Kon­sequenterweise verloren die Internatsschüler jedes Interesse an—und die Sprechfähigkeit in—ihren Muttersprachen. Diese Politik sprachlicher und kultureller Unterdrückung brachte eine ihrer eigenen Sprache und traditionellen Lebensweise entfremdete Generation hervor.

 

Ein Zweig des Nenetstammes, eine Gruppe von etwa 20.000 Rentierhirten in der Autonomen Yamal-Nenet-Region an der Küste der Karasee im Polarkreis hatte mehr Glück als die meisten anderen. Ob­wohl sie sich dem System der Internate beugen und ihr Weideland auf Novaja Semlja in den Fünfzigern zugunsten des sowjetischen Atomtestprogramms aufge­ben mussten, blieben sie von dem ersten sibirischen Öl- und Gasboom in den Sieb­zigern verschont, der die Ländereien und Traditionen der Nachbarstämme verwü­stete.

In der baumlosen Steppe jenseits von Salekhard, einem vor 400 Jahren von russischen Pelzhändlern gegründeten Städtchen, hat sich die Lebensweise der Nentsi seit Jahrhunderten nicht viel ver­ändert. Ihre Sprache verkörpert die Riten und Rituale eines Lebens im Einklang mit den Rhythmen der Tundra. Das Jahr be­ginnt im November mit "der Jagd auf den Polarfuchs"; die Geburt der ersten Ren­tierkälber markiert den Frühlingsanfang; der Beginn des Sommers ist nyarkanzeiriy, "der Monat der blühenden Gräser". Aber mit der Entdeckung riesiger Erdgas­felder auf der Yamal-Halbinsel in den spä­ten Achtzigern ist die Lebensweise der Nentsi bedroht. Ausländische Firmen ste­hen Schlange, um den unermeßlichen Reichtum auszubeuten, der unter dem liegt, wofür sich mittlerweile der Begriff "Nentsi Emirate" gebildet hat. Wie können die Nentsi ihre Sprache retten, wenn ihre Lebensweise verloren geht?

"Unsere Sprache riecht nach Rauch", sagt Valentina Nyarui, eine Nentsi Erzieherin, die die Anstrengungen, ihre Stammessprache zu erhalten, anführt. Nya­rui ist davon überzeugt, dass die Nentsi an ihren jahrhundertealten Mustern von Vieh­zucht und Jagd festhalten müssen. "Kinder brauchen den Anblick von den Seen auf­steigender Gänsescharen", sagt sie, "der Rentierherden mit ihren wuchtigen Gewei­hen." Zu diesem Zweck sammelt und kom­poniert sie Volks- und Wiegenlieder, um die Sprachübertragung von Eltern auf Kin­der anzuregen.

 

Inzwischen werden die Entwick­lungspläne für die Region von dem Aus­schuss zum Schutz von Umwelt und Natur­reserven in Moskau überprüft, um sicher­zustellen, dass der Wirtschaft wie dem Ökosystem die gleiche Beachtung ge­schenkt wird. Die russische Duma debat­tiert im Augenblick über die Einrichtung von "ethnischen Naturparks", eine Politik, die Eingeborenenvölkern das Recht garan­tieren würde, ihre traditionelle Lebens­weise in Entwicklungsgebieten beizube­halten.

 

Aber selbst wenn sich die Umwelt­zerstörung abwenden lässt, könnten viele Nentsi in Versuchung geraten, ihre tradi­tionelle Lebensart und Sprache für einen Job bei den Gasfirmen einzutauschen. Warum sollten sich junge Nentsi um ihre Muttersprache bemühen, wenn ihre Zukunft von ihrer Fähigkeit abhängt, russisch zu sprechen? Nyarui sagt, diese sprachliche und kulturelle Erosion habe schon begonnen. "Die Nentsi in den Städ­ten sind dabei, ihre Sprache zu verlieren", erklärt sie. "Sie wohnen in russischen Wohnungen. Sie tragen ihre traditionelle Kleidung nicht.  Sie erzählen ihre überlieferten Geschichten nicht mehr." Die Herausforderung, vor der die Nentsi—und die russische Regierung—stehen, ist, wie man den natürlichen Reichtum der Yamal-Halbinsel ausbeuten kann, ohne den kultu­rellen Reichtum des Nentsivolkes zu zer­stören.

Regenduft

Mit etwas über einem Fünftel aller existierenden Sprachen ist Ozeanien eines der sprachlich vielgestaltigsten Gebiete der Erde. Seit der europäischen Kolonisierung hat jedoch die Anzahl der Eingeborenen­sprachen erheblich abgenommen. Als die ersten weißen Siedler 1788 in Australien ankamen, wies der Kontinent etwa 250 Ureinwohnersprachen auf. Heute werden nur noch 20 als lebensfähig betrachtet.

Die australischen Ureinwohner wa­ren einer Politik kultureller und sprach­licher Assimilation ausgesetzt, ähnlich wie die Nentsi. Bei vielen Ureinwohnern hin­terlässt das Verschwinden ihrer überliefer­ten Sprache immer noch eine schmerzhaf­te Lücke in ihrem Selbstgefühl. "Man fühlt sich ohne sie verloren", sagt Rhonda Inkamala (36), Sprachkoordinatorin an der zwei­sprachigen Yapirinya-Schule in Alice Springs. Um sicherzustellen, dass die Ur­einwohnerkinder nicht ihres sprachlichen Erbes beraubt werden, hilft Inkamala ein Programm zu organisieren, durch das die Schüler der Yapirinya-Schule zwei Tage der Woche auf kulturellen Exkursionen in der Umgebung bei örtlichen Stammesälte­sten verbringen.

Die Sprachen der Ureinwohner zeichnen sich aus durch einen überaus differenzierten Wortschatz für die Be­schreibung der natürlichen Welt. Ihre evokative Bildhaftigkeit bringt zum Ausdruck, wie eng die Ureinwohnersippen mit dem Land verwachsen sind. So beschreibt z.B. ein Volkslied in der bedrohten Nyigampaa-Sprache von Neusüdwales einen Vogel, dessen Schwanz wippt, als walu. Die wört­lichste deutsche Entsprechung zu walu ist "ein Streifen Rinde, der von einem Baum baumelt". In der östlichen Arrernte-Sprache Inneraustraliens bedeutet das einfache, sinnliche Wort nyimpe "Duft des Regens".

Aber der Wert der Ureinwohner­sprachen liegt nicht nur in ihrer poetischen Schönheit. Nicholas Evans, Dekan der sprachwissenschaftlichen Fakultät an der Universität von Melbourne und Spezialist für Ureinwohnersprachen schreibt diesen wenig bekannten Sprachen Fortschritte in den Naturwissenschaften zu. Botaniker entdecken neue Pflanzenarten, wenn sie die unterschiedlichen Eingeborenenwörter für scheinbar identische Pflanzen unter­suchen. Das Studium dieser Sprachen kann auch die Wanderungsbewegungen früher Einwohnergruppen und die Ursprünge kul­tureller Neuerungen in ein neues Licht stel­len. "Der Prozess des Vergleichs sprach­licher und archäologischer Fakten hat gerade erst begonnen", sagt Evans. "Aber wir können eine ganze Menge über Au­straliens früheste Vergangenheit folgern, indem wir uns die Informationen ansehen, die uns die Sprachen liefern. Das geht ver­loren, wenn die Sprache verschwindet."

Krieg der Wörter

Sprachliche Erneuerung geht oft Hand in Hand mit einem Wiedererstarken völkischer oder nationaler Identität. Nord­irland ist ein klassisches Beispiel dafür, wie sich Sprache mit dem Kampf um diese Art kultureller und politischer Anerkennung verbinden kann. Nach der Eroberung Ir­lands in der Mitte des 16. Jahrhunderts löschten die Engländer praktisch die irisch­sprachigen herrschenden Klassen und ihre kulturellen Institutionen aus. Englisch er­setzte Irisch als lingua franca der Regie­rung und des öffentlichen Lebens, während Irisch zum Begriff wirtschaftlicher und kultureller Rückständigkeit wurde. Als Nordirland 1921 gegründet wurde, begün­stigte das neue politische Establishment die protestantischen, englischsprachigen Unionisten und schob das Irische ab an den katholisch-nationalistischen Gesellschafts­teil.

 

Als aber die augenblicklichen Schwierigkeiten in Nordirland 1968 anfin­gen, wurde Irisch ein Merkmal kultureller und nationaler Identität. Sinn Fein (irisch für "Nur wir"), der politische Flügel der IRA (Irish Republican Army), wird immer noch auf eine locker zweisprachige Art ge­führt. Viele Mitglieder der republikani­schen Bewegung einschließlich des der­zeitigen Sinn-Fein-Vorsitzenden Gerry Adams lernten Irisch erst im Gefängnis. Außer als Trotzgebärde und Aufwertungsmittel der Selbstachtung bot Irisch auch einen äußerst praktischen Vorteil: Gefangene konnten sich in einer Sprache unterhalten, die ihre Wärter nicht verstan­den. Es gibt jetzt zwei rein irische Flügel im Gefängnis von Maze, 20 km südwest­lich von Belfast. "Sinn Fein hat kein Monopol auf die irische Sprache", sagt der Westbelfaster Sinn-Fein-Stadtrat Mairtin O Muilleoir. "Aber wir glauben, dass wir zur Schaffung eines neuen Irland eine star­ke irische Identität brauchen. Die irische Sprache kann uns dazu verhelfen."

Während Sprachaktivisten behaup­ten, das Irische habe nichts mit Politik zu tun, tut seine enge Beziehung zu IRA und Sinn Fein wenig dafür, ihm bei den Unionisten Freunde zu gewinnen. Aber nichts­destoweniger findet die Sprache eine im­mer größere rege Anhängerschaft in der Gesamtbevölkerung, vor allem in den nati­onalistischen Bezirken von Belfast und Londonderry. Allein auf der Falls Road im nationalistischen Westen Belfasts gibt es mehr als 60 Irischkurse.

Für die neu entstandene Beliebtheit [der Sprache] auch südlich der Grenze zeugt der erste irischsprachige Fernsehka­nal, Teilifis na Gaeilge (TnaG). Voriges Jahr in Betrieb gegangen, bringt der Sen­der Musik-, Dokumentar-, Theater-, Sport- und Nachrichtenprogramme, die sich in erster Linie an ein jüngeres Publi­kum richten. "Die größte Gruppe derer, die fließend irisch sprechen, sind die Leute unter 25", sagt TnaG-Sprecher Padhraic O Ciardha. "Das Interesse an irischer Kultur hat einen gewaltigen Aufschwung genom­men, und TnaG spiegelt das wider. Wir haben beweisen können, dass etwas Ur­sprüngliches nicht rückständig aussehen muss."

Nestflucht

Das ernsthafteste Anzeichen für den drohenden Tod einer Sprache ist es, wenn sie nicht mehr von Kindern ge­sprochen wird. Werden die Kabel der Sprachweitergabe zwischen den Generati­onen durchtrennt, bedeutet der Tod der älteren auch den Tod ihrer Sprache. Lange Zeit ist in diesem Jahrhundert in Neusee­land die Zahl der Leute, die flüssig Maori sprachen, drastisch zurückgegangen, ein scheinbar unumkehrbarer Prozess. Von schätzungsweise 64.000 in den frühen Sieb­zigern sank die Zahl auf rund 10.000 im Jahre 1995. In den Sechzigern und Sieb­zigern gab es fast keine Sprachvermittlung seitens der Maorieltern an ihre Kinder. Aber seit 1982 die ersten Kohanga Reo (Sprachnester)—ein landesweites Netz­werk von Früherziehungszentren, die Kleinkindern die Maorisprache vermit­teln—eingerichtet wurden, ist diese Ab­wärtsentwicklung zum Stillstand gekom­men.

 

Die Sprachnester bieten Kindern unter 5 Jahren eine fröhliche, häusliche Umgebung, in der sie intensiv der Maori­sprache ausgesetzt sind. Das bezahlte Lehrpersonal ist eine Mischung aus älteren Maorisprechern und jüngeren Lehrerinnen und Lehrern. Heute gibt es im ganzen Land über 800 Sprachnester, die mehr als 100.000 Maorikinder mit ihrer Mutter­sprache vertraut gemacht haben.

 

1987 wurde Maori neben Englisch zur offiziellen Sprache Neuseelands ge­macht. Einige Maoriführer fordern jetzt von der Regierung, dem Land seinen alten Maorinamen wiederzugeben, Aotearoa, was "Land der langen weißen Wolke" be­deutet. Heute lernen fast 60% der Schul­kinder in Neuseeland—Maoris wie Nichtmaoris—die Sprache bis zu einem gewis­sen Grad. Aber ein noch sichereres Zei­chen der erneuerten Lebenskraft des Maori ist die Tatsache, dass das neuseeländische Englisch mit zahllosen Wörtern und Aus­drücken aus dem Maori durchwirkt ist. Das häufigste Wort, kia ora, eine All-zweckgrußformel, wird zunehmend statt "hello" gebraucht, in der allgemeinen Unterhaltung wie beim Abnehmen des Tele­fonhörers. "Die Sprache ist absolut wich­tig für Einheit und Fortbestand einer Kul­tur", sagt Timoti Karetu (60), Vorsitzen­der des Ausschusses für die Maorisprache. "Je mehr Maori gebraucht wird, um die Sprache in Neuseeland zu würzen, um so mehr entwickelt das Land eine eigene, einzigartige Sprache."

Diese Einzigartigkeit tritt deutlich zu Tage vor jedem Spiel der neuseeländi­schen Rugbynationalmannschaft, der All Blacks. Der haka, ein wilder traditioneller Maori-Tanz, soll die Gegner einschüch­tern. Die Spieler bilden auf dem Spielfeld eine Linie und vollziehen eine Reihe ag­gressiver Hand- und Fußbewegungen, wo­bei sie brüllen: "Ka mate! Ka mate! Ka ora! Ka ora!" Der Ka mate haka erzählt die Geschichte von des großen Maorikriegers Te Rauparaha waghalsiger Flucht aus der Gewalt seiner Feinde. Frei übersetzt heißt es: "Es ist Tod! Es ist Leben!... Ein letzter Schritt empor, dann tritt hervor in den Sonnenschein!"

Bei vielen Eingeborenensprachen der Erde trennt nur eine ganz dünne Linie die Morgendämmerung einer Sprach­erneuerung von dem Schwarzen Loch des Untergangs. Aber die Anstrengungen so unterschiedlicher Gemeinschaften wie der Tlingit und der Krenak zeigen, dass es für kleine Gruppen entschlossener Persön­lichkeiten immer noch möglich ist, die Kräfte der Globalisierung und Massen­kultur zu verwirren, die in erster Linie die Architekten des heutigen Turmbaus zu Babel sind. In dem anstehenden Kampf um das sprachliche Überleben haben Eingebo­renenvölker wie die Maori vielleicht doch noch das letzte Wort.

Sprache säen

Bis zum Jahr 2.000 werden schät­zungsweise eineinhalb Milliarden Men­schen—ein Viertel der Weltbevölkerung— Englisch sprechen. Für etwa 400 Millionen davon, von denen die meisten in den USA und in Großbritannien leben werden, wird Englisch ihre erste Sprache sein. Aber für weitere 1,1 Milliarden wird Englisch als zweite oder dritte Sprache für das beruf­liche wie persönliche Leben eine wesent­liche Rolle spielen. In zunehmendem Maße entwickelt sich Englisch zur üblichen Spra­che der Wahl für Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilisation. Dreiviertel der Weltkor­respondenz werden derzeit in Englisch ge­schrieben, ebenso bis zu 80% der elektro­nischen Post im Internet. Bald werden mehr Menschen Englisch als Fremdsprache sprechen, als es als ihre Muttersprache tun. "Es hat noch nie eine Sprache gegeben, die von so vielen Menschen an so vielen Orten gesprochen wurde", sagt Professor David Crystal, Autor der Cambridge Encyclopedia of the English Language und des gera­de erschienenen Buches English as a glo­bal language. Weshalb aber steigt Eng­lisch so weit heraus aus dem Stimmen­gewirr der anderen Sprachen der Welt?

Es gibt keine einleuchtenden sprachlichen Ursachen für die weltweite Vorherrschaft des Englischen. Die Gram­matik ist schwierig, die Aussprache ex­zentrisch und die Rechtschreibung seltsam, gelinde gesagt. Aber, wie Crystal erklärt, spielt die Logik nicht notwendigerweise eine Rolle, wenn es darum geht, eine lingua franca (Verkehrssprache) zu fin­den. "Eine Sprache wird mächtig, wenn ein Volk mächtig wird", sagt er. Diese Macht kann militärisch oder wirtschaftlich oder kulturell sein—oder im Fall der USA, die das Englische dazu gemacht haben, alle drei Varianten auf einmal. "Halte jemand Dollarnoten vor die Nase", bemerkt Cry­stal, "und er wird komplizierte Grammatik und Rechtschreibung lernen."

Ein weiterer Schlüsselfaktor ist Flexibilität. Nach Crystal ist "Englisch... eine Art Staubsauger für Sprache—es saugt Wörter aus allen Sprachen auf, mit denen es in Berührung kommt." Crystal schätzt, dass das heutige Standardenglisch Wörter aus mehr als 150 anderen Sprachen enthält. Schreibung und Aussprache sind so unberechenbar—und so frustrierend für Ausländer—gerade weil die Sprache die fremden Elemente so rasch übernommen hat. Diese Flexibilität habe weniger mit dem Englischen selbst zu tun, sagt Cry­stal, als vielmehr mit "der Haltung und Einstellung der englischsprachigen Men­schen."

Aber das Englische könnte viel­leicht durch seinen eigenen Erfolg ausge­höhlt werden. Da sich die Sprache unter Nichtmuttersprachlern ausbreitet, wird man es unweigerlich umformen—sogar untergraben—um es regionalen Bedürfnis­sen anzupassen. Regionaler Wortschatz, Slang und regionale Aussprache werden den bestehenden britischen und amerikani­schen Sprachgebrauch verdrängen. Das Englische könnte auseinander fallen in wechselseitig nicht mehr zu verstehende gesprochene Varianten, so wie vor rund 1.500 Jahren das Lateinische auseinander­brach in Französisch, Spanisch und andere Sprachen. Neue Formen des Englischen werden tatsächlich bereits gesprochen. Wörterbücher des asiatischen, australi­schen, karibischen und südafrikanischen Englisch—die Wörter enthalten, welche kein Muttersprachler verstehen könnte— sind schon veröffentlicht worden. Ein wahrscheinlicheres Szenario ist jedoch, nach Crystals Meinung, die Entstehung eines regionsneutralen Konversationseng­lisch zum internationalen Gebrauch, wäh­rend jedes Land seine eigene nationale Va­riante für sich beibehält.

Als Otto von Bismarck 1898 ge­fragt wurde, was seiner Meinung nach das entscheidendste Ereignis der modernen Geschichte sei, antwortete der deutsche Staatsmann: "Die Tatsache, dass die Nord­amerikaner englisch sprechen." Wer weiß, ob nicht in hundert Jahren irgendein asia­tischer, indischer oder afrikanischer Politi­ker, dem man dieselbe Frage stellt, ant­wortet: "Die Tatsache, dass so viele Men­schen außerhalb Nordamerikas englisch sprechen."

Recherchen: Lisa Clausen/Sidney, Tony Connelly/Dublin, Dan Cray/Klawock, Helen Gibson/London, Daniela Hart/Sao Paulo, Simon Robinson/Auckland und Sophia Sears/Salekhard


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