Wenn Joppe mal keine Jacke ist  (02.05.2006)

 Das Buch                                                  

Diesmal ist Joppe ein Maulwurf, kein richtiger, sondern ein schon ziemlich verschlissenes Kuscheltier aus schwarzem Samt. Er gehört dem kleinen Ole, den er überall hin begleitet.

Und er ist natürlich die Hauptfigur, so zu sagen der Protagonist in dem gleichnamigen Kinderbuch von Gunnel Linde.

Die dreizehn spannenden Geschichten des Buches leben mehr oder weniger von einer vertrackten Eigenart Joppes: Immer wieder geht er verloren. Das kommt sicher nicht zuletzt daher, dass Ole ein kleiner Schussel ist. Umso größer ist aber seine Fixiertheit auf Joppe. Damit sind Probleme zwangsläufig vorprogrammiert. Und so stolpert die Geschichte von einer Katastrophe zur nächsten. Joppe versteckt sich im Kopfkissenbezug, als die beiden zum Frühstück gerufen werden. Das ist natürlich noch ganz harmlos. Aber schon stürzt er in den Müllschlucker, bleibt im Aufzug stecken, wird beinahe von einem Hund gefressen, gekidnappt, in einer roten Schüssel aufs Meer hinausgetrieben, lebendig begraben, um nur einige der Kalamitäten zu nennen.

Zum Glück wohnt im selben Mietshaus wie Ole und seine allein erziehende Mama ein wunderbarer Mann: Per Olsson. Dieser Nachbar kommt zu Beginn zwar nur zufällig zu Hilfe, entwickelt sich aber von Episode zu Episode zu einer immer wichtigeren Figur für Ole und seinen Joppe – und auch für die Mama. Mama und Per haben eins gemeinsam: sie nehmen Ole ernst. Eddy, der noch zu Beginn des Buches Mamas Freund ist, tut das überhaupt nicht. So hält sich die Überraschung in Grenzen, als Mama Eddy den Laufpass gibt. Über Joppe entwickelt sich eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen Per und Mama, und Ole mit seinem Joppe ist natürlich voll darin integriert. Die Hochzeit am Schluss ist dann nur noch das längst erwartete I-Tüpfelchen.

Insgesamt ist das Buch ein ganz köstliches Kinderbuch, lebendig und spannend und voller Gucklöcher in die Denk- und Empfindungswelt kleiner Kinder. Von den wunderschönen Illustrationen Ole Könnekes habe ich zwar nur das Bild auf dem Einband gesehen – ich habe das Buch nämlich nicht selber in der Hand gehabt, aber die bezaubernde Vorleserin auf der Studiobühne des Stadttheaters Mönchengladbach, aus deren Mund ich Joppes Geschichte gehört habe, hat es mir ausdrücklich versichert.

Dass Gunnel Linde mit dem Astrid-Lindgren-Preis ausgezeichnet wurde, dürfte nicht von ungefähr gekommen sein.
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Gunnel Linde: Joppe. Mit Bildern von Ole Könnecke. Gerstenberg 2005. Gebunden. 128 Seiten. Ab 4 Jahren. ISBN 3-8067-5092-0. € 11,90  

Fehlentwicklung im Schulbereich   (02.05.2006)

 Ein bemerkenswertes Buch für € 0,99

Selten ist mir ein so hervorragendes Buch zu einem solchen Spottpreis in die Hände gefallen, wie LogOut von Clifford Stoll. Stoll, Jahrgang 1951, ist Astronom und IT-Guru und schon seit Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Computertechnologie und –entwicklung tätig. So gehört er zu denen, die das „Arpanet“, den Vorläufer des heutigen Internet entwickelt haben.

In diesem Buch – im Original 1999 bei Doubleday, New York erschienen – weist er minutiös nach, „warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben“. Für ihn (und auch für mich) ist klar, dass Computer für das Lernen keine große Hilfe sind, sondern es eher behindern. Der moderne Slogan „Lernen mit Spaß“ wird als plumper Werbetrick der an der Vermarktung ihrer Produkte interessierten Industrie entlarvt. Wenn Lernen nicht mit Mühe und Disziplin geschieht, wird sich kein brauchbares Ergebnis zeigen. In diesem Zusammenhang zitiert der Autor Rudolf Steiner, der schon vor einem knappen Jahrhundert sagte:

„Ich habe oftmals, wenn zum Beispiel über die Pädagogik gesprochen wurde, gehört, man müsse eine Pädagogik haben, welche für die Kinder das Lernen zum Spiele macht, das Kind müsse in der Schule lauter Freude haben. Die so reden, sollten nur einmal versuchen, wie sie das zustande bringen, dass die Kinder lauter Freude in der Schule erleben, immerfort lachen können, daß das Lernen für sie ein Spiel ist und sie dennoch etwas lernen. Es ist nämlich diese pädagogische Anweisung die allerbeste, um es gründlich dahinzubringen, dass nichts gelernt wird.“ (alte Rechtschreibung)

Und Stoll selber:

„Den Mangel an kritischem Denken und an Fähigkeiten zur Kommunikation kann noch so viel Surfen im Web nicht beheben. Keine Multimedia-Maschine hilft dem Schüler, analytisches Denken zu entwickeln. Kein Mikroprozessor kann beim Formen einer Plastik das kreative Zusammenwirken der Hand des Schülers mit dem Ton und den Kenntnissen des Kunstlehrers übertreffen. Kein Online-Programm für Astronomie kann dasselbe Staunen erzeugen wie der Saturnring, wenn man ihn zum ersten Mal im Fernrohr sieht. Kein Computer bringt einen angehenden Sportler dazu, schneller zu laufen, härter gegen den Ball zu treten oder höher zu springen.“ (Seite 48)

Stoll selber unterscheidet sich offensichtlich von den Technologen, über die er sagt: „Technologen sehen in der Technologie nur die Lösung von Problemen, nie ein Problem.“ (Seite 41)

Das Buch ist in jeder Hinsicht überzeugend, auch in stilistischer Hinsicht, denn die schlüssige Argumentation des Autors ist sehr lebendig (viele anschauliche Beispiele) und sogar witzig. Ich kann mich nicht erinnern, 99 Cent schon einmal so gut angelegt zu haben.

 

Clifford Stoll: LogOut – Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien. 252 Seiten. Paperback. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. ³2001. ISBN 3-10-040220-0. Zum Spottpreis von € 0,99 nur bei Zweitausendeins

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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