Wirtschaftswachstum – der vollendete Schwachsinn (01.05.2006)

 
 Das Buch von 1981

Bäume wachsen nicht in den Himmel – aus gutem Grund. Unsere neokapitalistischen Wirtschaftsmanager und Politiker aber beten dessen ungeachtet einen irrsinnigen Popanz an: das Wirtschaftswachstum. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich z. B. Frau Merkel diesen Begriff nennen höre. Als Physikerin müsste sie es eigentlich besser wissen.

Beispiel:

Ein Zuwachs von 7 % wäre doch phantastisch. Alle Probleme wären gelöst. Wirklich?
Nun, in zehn Jahren hätte sich die derzeitige Produktion verdoppelt, in zwanzig Jahren vervierfacht, in dreißig Jahren verachtfacht u. s. w. Weshalb sind wohl Glücksspiele nach dem "Schneeballsystem" verboten? - Weil schon nach mehreren Schritten die Zahl der nötigen Mitspieler, um das System am Laufen zu halten, die der gesamten Menschen auf der Erde überschreiten würde. Und so etwas soll als Wirtschaftsprinzip funktionieren? So viel könnten die Verbraucher gar nicht kaufen, dass der Absatz der Mehrproduktion gesichert wäre, selbst wenn sie genug Geld hätten. 

Meine Skepsis gegenüber dem Wachstumsgötzen war schon immer vorhanden - jedenfalls, seit ich alt genug war, mir über solche Dinge Gedanken zu machen. Es gibt nur eine einzige Lösung gegenüber ungehemmtem Wachstum, und die heißt hemmungslose Vernichtung aller geschaffenen Werte - oder mit einem anderen Wort: KRIEG. Außer Kriegsgewinnlern wird wohl kaum ein Mensch diese Lösung für wünschenswert halten.

Vor rund 25 Jahren habe ich ein kleines Buch gelesen, das mich in meinen Überlegungen sehr bestärkt hat. Sein Autor ist der Dormagener Mathematiker und Techniker Alfred Kämmerling. In diesem Buch wird in überzeugender Weise dem Begriff des Wachstums als Wirtschaftsprinzip eine Abfuhr erteilt. Mathematik und Naturwissenschaften bilden dabei die Grundlage der Beweisführung. Und es ist in einem sehr lebendigen unterhaltsamen Stil geschrieben, wie man ihn bei der Thematik gar nicht erwartet. Leider ist das Buch vergriffen. Auch beim Stöbern in Antiquariaten bin ich nicht fündig geworden. Falls aber der eine oder andere Leser es trotzdem einmal entdecken sollte: Unbedingt lesen!

Hier die Daten:

Alfred Kämmerling: "Erkennen". 182 Seiten, Ganzleinen, Dormagen 1981

Besuchenswert ist auch die Homepage des Autors: http://www.windvision.de
Dort stellt er sehr detailliert dar, wie sich das Energieproblem lösen lassen könnte.

Kinderbücher  (23.03.2006)

Im Blick auf die kommenden Jahre meiner kleinen Enkelin habe ich die ZEIT Kinder-Edition gekauft. Die ersten fünf der insgesamt 15 Bände sind gestern gekommen. Als ich versuchsweise den Band 5 (Annie M. G. Schmidt: „Von Hexen, Riesen und so weiter“) aufgeschlagen hatte, konnte ich gerade noch mit Lesen aufhören, ehe mein Mittagessen völlig verkocht war. Die Märchen waren einfach zu bezaubernd. Vielleicht bin ich ja doch noch ein großes altes Kind.

Die niederländische Autorin hat es geschafft, aus traditionellen Märchenmotiven und Elementen unserer Gegenwartswirklichkeit höchst spannende, unterhaltsame und dabei auch noch lehrreiche Geschichten zu komponieren. die sicher beim „Zielpublikum“ großen Anklang finden werden.

Jedenfalls werde ich in den nächsten Tagen manche Tätigkeiten (auch das Schreiben) einschränken, um mich von den Büchern verzaubern zu lassen. Denn ich bin sicher, auch die anderen Bände haben wohl denselben Qualitätsstandard.

Annie M. G. Schmidt: „Von Hexen, Riesen und so weiter“. Deutsch von Anna Valeton, Zeichnungen von Rolf Rettich. 176 Seiten, Halbleinen. Zeitverlag Gerd Bucerius, Hamburg. 2006. ISBN 3-938899-04-2. Einzelpreis: € 8,50.

Alles Mist  (20.03.2006)

Rezension eines ungeschriebenen Büchleins über Schwierigkeiten mit WINDOWS XP Home Edition SP2

Manchmal klappen auch scheinbar einfache Anwendungen in Windows XP nicht, so gewissenhaft man auch den Ausführungen im knappen Handbuch folgt. Und dann, aus unerklärlicher Ursache, funktioniert es plötzlich doch.

Über solche und ähnliche Erlebnisse mit einem der gängigsten PC-Betriebssysteme berichtet der Verfasser des schmalen, aber höchst interessanten Bändchens, dessen einziger Nachteil darin besteht, dass es noch nicht geschrieben ist und wohl auch nie geschrieben werden wird. Trotzdem, es wäre ganz bestimmt lesenswert.

F. Schmitz: WINDOWS XP Home Edition SP2 – Ein Erfahrungsbericht. 30 Seiten, broschiert. FSJ-Verlag, Jüchen, o. J., *ISBN 3-XX0-04711-Y.

 

Ein erstaunlich unterhaltsamer Wälzer

 

 So sieht der Wälzer aus

Das Buch von David Crystal ist nicht ganz neu. Die englische Originalausgabe „The Cambridge Encyclopedia of Language“ erschien schon 1987, die deutsche Übersetzung 1993 beim Campus Verlag, Frankfurt am Main. Aber die Tatsache, dass das Buch jetzt bei Zweitausendeins in einer sehr preiswerten broschierten Ausgabe herausgebracht worden ist, scheint mir Grund genug, noch einmal darauf hinzuweisen.

Was man jetzt für € 14,95 erhält, ist schon erstaunlich. Die Fülle an Material und Aspekten, die David Crystal (Reading), unterstützt von 13 namhaften Fachkollegen, auf den 478 Seiten im Großformat (21,8x27 cm) zusammengetragen hat, überwältigt. So illustrieren allein über 1000 Abbildungen und 30 Karten den Makro- und Mikrokosmos der Sprachen. Die Enzyklopädie umfasst 11 Teile, die sich in insgesamt 65 thematische Abschnitte gliedern:

I.                     Landläufige Ansichten über Sprache

II.                   Sprache und Identität

III.                  Die Struktur der Sprache

IV.               Das Medium der Sprache: Sprechen und Hören

V.                 Das Medium der Sprache: Lesen und Schreiben

VI.               Das Medium der Sprache: Gebärden und Sehen

VII.              Kindlicher Spracherwerb

VIII.            Sprache, Gehirn und Sprachstörungen

IX.               Die Sprachen der Welt

X.                 Sprache in der Welt

XI.               Sprache und Kommunikation                                                                                                                

Den Abschluss bildet ein umfangreicher Anhang.

Besonders erfreulich: Die deutschen Übersetzer und Bearbeiter, Stefan Rörich, Ariane Böckler und Manfred Jansen, haben es geschafft, dem deutschen Leser fast den Eindruck zu vermitteln, er habe ein deutsches Buch vor sich, z. B. wenn er Karten zur deutschen Dialektgeographie findet oder viele Beispiele aus dem deutschen Sprachraum. Sicher haben sie einen großen Anteil daran, dass das Buch zum Schmökern verleitet.

Angesichts der Fülle des Gebotenen bleibt es natürlich nicht aus, dass ausgesprochene Spezialisten bisweilen das eine oder andere vermissen werden. So wird beispielsweise das umfangreichste und wichtigste „Deutsche Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm mit keinem Wort erwähnt, obwohl die beiden Autoren wegen ihrer Verdienste um die Sprachforschung (Lautverschiebung) abgebildet sind.

Aber das sind Kleinigkeiten, die den positiven Gesamteindruck nicht schmälern können. Die Literaturangaben sollten jedem, der weiter forschen möchte, die nötige Hilfestellung geben.

David Crystal: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. 478 Seiten Großformat, Paperback. Zweitausendeins. Frankfurt am Main. 2006. (©1993 Campus Verlag. Frankfurt am Main) ISBN 3-86150-705-6. € 14,95.

 

MEKABA – Eine Bilderbucherzählung (3.3.2006)

 

In den nächsten Tagen kommt ein neues Bilderbuch auf den Markt, ein wirklich schönes und eindrucksvolles: Die Erzählung MEKABA (< MElchior, KAspar und BAlthasar) erzählt die Geschichte des gleichnamigen Morgensternsohnes, den der Vaterstern zur Erinnerung an die Weihnachtsgeschichte so genannt hat. Die Autorin schildert sehr anschaulich und einfühlsam - wie es ihre Art ist - was der kleine Stern erlebt, als er auf der Erde seine verlorene Spitze sucht. Nachdem er Löffel, einen Hasen, vor den Jägern gerettet hat, gehen die beiden zu einem großen, klugen Bär und später alle zusammen zum kleinen Markus, getrieben von der Hoffnung, die verlorene Spitze zu finden.
Die besondere Bedeutung der Freundschaft wird Mekaba erst allmählich bewusst, der sich selber und das Geschehen schrittweise immer besser durchschaut. Pädagogischer Zeigefinger? - Fehlanzeige.
Die schlichten, aber zauberhaften Bilder hat die junge Liv Passburg gemalt. In der Fülle der einschlägigen Bücher auf dem Markt ist dieses Buch ein besonders gut gelungenes Beispiel für eine wertvolle Hilfe zum "groß" Werden.
Meine Enkelin Nina hat mit großer Begeisterung zugehört und die Bilder angeschaut.

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Kornelia Jäger: MEKABA - Auf der Suche nach der verlorenen Sternspitze. Eine Bilderbucherzählung. 28 Seiten, gebunden. Querformat. Illustriert von Liv Passburg. SCHWETI-Verlag, Bad Mergentheim, 2006. € 8,90.

 

Innenansicht von Guantánamo        (19.02.2006)

Befremdlich muten die Bilder an, die in den seltenen Fernsehspots über Guantánamo zu sehen sind: Mühevoll schleppen sich die Häftlingsgestalten in orangeroter Todeskandidatenkleidung, gestützt und weitergezerrt von GIs, durch die Käfiggänge. Alles Behinderte? – Allerdings! Mehr als behindert durch die verbrecherische Praxis einer größenwahnsinnig gewordenen Administration, die für die Rechtfertigung ihrer völlig verfehlten Antiterrorpolitik vor dem eigenen Volk „Erfolge“ vorweisen können muss. Dazu dient Guantánamo – wobei es für die Verantwortlichen unerheblich ist, dass damit alle Menschenrechtskonventionen mit Füßen getreten werden. Dass dort (wie auch an anderen Orten) seit mehr als vier Jahren Unschuldige unter unbeschreiblicher Folterwillkür zu leiden haben, interessiert nicht.

Dankenswerterweise hat nun Roger Willemsen mit Unterstützung einer Reihe von Menschenrechtsorganisationen, wie amnesty international, Human Rights Watch, American Civil Liberties Union, reprieve u.a., eine Sammlung von Aussagen ehemaliger Häftlinge herausgegeben, die einen bestürzenden Einblick in die Wirklichkeit von Guantánamo, Abu Ghraib und ähnlichen „Gefängnissen“ gewährt. Der Aufschrei der zivilisierten Welt angesichts dessen, was sich dort seit Jahren abspielt, kann gar nicht laut genug sein. Dass inzwischen auch die UNO das Ende von Guantánamo und Abu Ghraib fordert, ist zwar ein zarter Hoffnungskeim, aber leider im Blick auf die fast unbegrenzte Macht der USA ziemlich bedeutungslos.

In dem Buch „Hier spricht Guantánamo“  veröffentlicht Willemsen seine Interviews mit den ohne Gerichtsverfahren entlassenen Ex-Häftlingen Khalid Mahmoud al-Asmar, Hussein Abdulkader Youssef Mustafa, Timur Ischmuradow, Ravil Gumarow und Abdulsalam Daeef. Das Buch ist weder spannend noch unterhaltsam. Aber  jeden Leser, der noch Menschlichkeit in sich spürt, packt die sachlich-nüchterne Faktenaufzählung zutiefst.

Ein Zitat aus dem Vorwort:

„Ein Sprecher des Pentagons kommentierte [die Kritik an Guantánamo], die Gefangenen würden human behandelt, ihr Glaube werde respektiert. Es sei das Terrornetzwerk Al Qaida, das die Häftlinge angewiesen habe, Foltervorwürfe gegen die amerikanischen Wachen zu erheben.

            Weiter lässt sich die Infamie schwerlich treiben: Zwar wurde keinem der über zweihundert inzwischen entlassenen Gefangenen Zugehörigkeit zu Al Qaida nachgewiesen, aber jetzt sollen die Foltervorwürfe selbst auf das ‚Terrornetzwerk’ zurückgehen. Anders gesagt: Wer auf der Einhaltung der Menschenrechte besteht, bewegt sich schon damit in den Dunstkreis derer, die die Welt bedrohen. Drastischer und gedanklich schlichter ist man wohl selten gegen Menschenrechtsvertreter und Folteropfer vorgegangen.“ (S. 14)

Dem Buch ist eine möglichst weite Verbreitung zu wünschen. Vielleicht kommt doch noch einmal der Tag, an dem sich auch die amerikanische Administration zur Einhaltung der Menschrechte bequemt, die sie doch angeblich weltweit verbreiten will.

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Roger Willemsen: Hier spricht Guantánamo. Roger Willemsen interviewt Ex-Häftlinge. Zweitausendeins, Frankfurt am Main, Februar 2006. ISBN 386150757-9. € 12,90

   

„Der ‚Petit Prince’ unter den Fußballbüchern“

Vom Mysterium Fußball

Während ich diese Zeilen schreibe (Januar 2005), sind die Medien voll von Nachrichten und Vermutungen zum Betrugsgeflecht um den Fußballschiedsrichter Robert Hoyzer. Auch die bevorstehende WM im nächsten Jahr in Deutschland kann nicht ganz erklären, warum solch ein Thema unangefochten Platz 1 im Medientheater einnehmen kann.

Wenn ich einmal davon ausgehe, dass die meisten Muschelhaufenleser/innen sich nicht ganz so stark für Fußball interessieren, wenn ich ferner annehme, die mediale Priorität des Themas könnte Ihre Neugier geweckt haben, dann bietet sich jetzt eine einmalige Möglichkeit an, diese Wissenslücke auszufüllen, ohne den vertrauten Bereich der anspruchsvollen Literatur zu verlassen. Lesen Sie Philippe Dubaths Büchlein „Zidane und ich“. Ich verspreche Ihnen, Sie werden die Stunde, die Sie dafür opfern, nicht bereuen. Über den französischen Fußballstar Zinedine Zidane werden Sie zwar nichts erfahren, aber Sie werden erleben, wie sich Ihr Horizont erweitert, ohne dass Sie sich irgendwie bemühen müssten. In dem schmalen Bändchen hat der Schweizer Journalist, Fotograf und Schriftsteller Philippe Dubath, ein gebürtiger Franzose (Jahrgang 1952), ein kleines Meisterwerk geschaffen.

Auf rund achtzig Seiten versucht ein Fünfzigjähriger seiner Frau Nanon zu erklären, warum er außer ihr auch noch den Fußball liebt. Das tut er auf eine so überzeugende und dabei höchst subtile, sprachlich einfache, aber oft poetische Weise, dass sich der Leser der erzählten Lebensgeschichte nicht entziehen kann.

„Fußball zu spielen, nicht mal sehr gut, hindert einen nicht daran, älter zu werden und schließlich erwachsen. Im Gegenteil. Und erwachsen zu werden hindert einen nicht daran, weiter Fußball zu spielen.“ (S. 49)

Die  Illustrationen von ZIVO (Zivoslaw Ivanovic) sind unaufdringlich, unterstreichen aber in ihrer hervorragenden Einfühlsamkeit den höchst positiven Gesamteindruck des Büchleins. 

Friedhelm Schmitz

Philippe Dubath: Zidane und ich. Brief eines Fußballspielers an seine Frau. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz, 79 S. kartoniert. bilgerverlag, Zürich, 2004. ISBN 3-908010-69-1. € 12,50

Produktlyrik

Radiosendereihe als Buch

Sie war wohl bei den Hörerinnen und Hörern recht beliebt, die Sendereihe, die Bayern2Radio ab 1991 unter dem Titel Abenteuer des Alltags ausstrahlte. 2002 erschien sie auf CD. Nach dem Tode des Autors und Produzenten Ralf Huwendiek (Jahrgang 1948) im Februar wurden 58 der Prosaminiaturen daraus unter dem gleichen Titel als Buch herausgegeben. So muss das wohl sein, wenn etwas Kultstatus erlangt hat. Sollte die Lindenstraße irgendwann einmal aufhören, haben wir wohl wirklich eine ganze Buchreihe zu erwarten.

Huwendieks Titel ist ehrlich im Gegensatz zu meinem, denn Produktlyrik ist nur die Überschrift von einer der Prosaskizzen. Der Autor hat sich und seine Mitmenschen in allen erdenklichen Alltagssituationen beobachtet und beschreibt unser Verhalten mit einer gehörigen Portion Ironie. So können seine Schilderungen uns immer wieder zum Spiegel werden, der unsere manchmal seltsamen Verhaltensweisen entlarvt.

Unterhaltsam ist das schon, viel mehr allerdings kaum. Wer vor Jahren etwa im Auto gern die Sendung auf Bayern2Radio gehört hat, dürfte an dem Buch Gefallen finden, aber es in einem Zug durchlesen zu wollen erweist sich als etwas ermüdend, da man bald das Grundmuster erfasst hat und das Lachen mit der Zeit weniger spontan kommt.

Friedhelm Schmitz

Ralf Huwendiek: Abenteuer des Alltags. Geschichten vom Sinn und Blödsinn des Lebens. 188 S. gebunden. Ars vivendi verlag, Cadolzburg, 2004. ISBN 3-89716-522-8. € 14,90

(Brauchtum)

„Ein Kamel braucht sein Oäschen

und der Dichter seine Späßchen.“

Elefant Kette Fuß bunne“ nennt Ulrich Erckenbrecht seine Sammlung „ausgewählter Gedichtsel“ (sic). Und in der Tat: Zunächst wirken die durchweg kurzen Verse sehr unterhaltsam, sozusagen wie formvollendeter dichterischer Spaß. Auf mehr als 200 Seiten hat der Autor seine Sammlung aus mehr als vier Jahrzehnten Dichterspaß veröffentlicht und sein erstes Gedichtsel, das er mit zwei Jahren angesichts eines am Fuß angeketteten Elefanten erfunden hatte, als Titel gewählt. Aber während die Texte mit steigender Seitenzahl immer kürzer werden, nimmt ihr Gehalt immer stärker zu. Die Seiten enthalten ab den Dreizeilern (S. 139 ff.) jeweils zwei Gedichte. Ab Seite 148 finden wir nur noch zweizeilige Epigramme. Eine Besonderheit bei allen Texten: Die Überschrift steht immer in Klammern. Dadurch wird das oft vorhandene Spannungsverhältnis zwischen Titel und Text noch unterstrichen. Den Abschluss bildet ein sehr lesenswerter Aufsatz über die Erneuerung des Epigramms.

Trotz der konventionellen Form seiner Verse sind Erckenbrechts Texte alles andere als epigonenhaft. Das ist bei einem weiteren Autor schon ein wenig anders. Auch Norbert Peltzer schreibt seine Gedichte in konventioneller Form. Seine kleine Sammlung Von den Früchten dieses Baumes verrät mit dem Untertitel Gedichte für die Romantik im neuen Millennium schon, was er offenbar bewusst anstrebt: eine Hinwendung zu romantisch-poetischer Weltsicht. Ob die Welt von heute dazu taugt, mag jeder für sich entscheiden. Aber für Peltzer wird das schon deshalb kein Problem, weil er die Welt als solche kaum in den Blick nimmt, sondern seine Gedichte überwiegend um sein eigenes Fühlen und Dichten kreisen lässt. Das Ringen um Metrum und Reim geht bei ihm übrigens bisweilen auf Kosten der Textdichte. Aber wer’s mag, wird auch daran Gefallen finden.

Das genaue Kontrastprogramm dazu bietet wieder einmal Liesel Willems in ihrem neuen Lyrikbändchen Das Übliche. Ihre 49 neuen Gedichte sind in fünf Gruppen geordnet (Aus heiterem Himmel – Was wir Tag nennen – Er stieg ein – Etwas im Rücken – Die alten Geschichten). Faszinierend sind diesmal nicht nur die Texte selber, sondern auch ihr überzeugendes Zusammenspiel mit den Fotografien aus der Mongolei von Bruni Encke. Eine mustergültige Art der Illustration, die dem Betrachter die Frage aufdrängt: Was war eher da, Bild oder Text? Nach Auskunft der Autorin meistens der Text, aber nicht immer. Die Gedichte, alle ohne Überschrift, umfassen thematisch ein sehr breites Spektrum. Jedes für sich verdichtet ein Stück unserer Welt in eine sehr genaue sprachliche Form. So endet ein Gedicht, das unseren mehr oder weniger wohlgeordneten Alltag schildert, mit den Strophen:

            Nur manchmal,

            im letzten Krieg,

            wurde der Bildschirm grün.

            Die Waffen blitzten auf wie bei einem Feuerwerk.

            Da konnten auch die Kleinen

            ganz nah an die Scheibe      

            und mit dem Finger darauf zeigen

            und lachen

            über die Toten.

Insgesamt ist Das Übliche eine Kostbarkeit, die mich wünschen lässt, alles, was üblicherweise auf meinem Schreibtisch landet, wäre so.

Wiederum ganz anders, aber ebenfalls sehr zu empfehlen, ist das kleine Buch von Hansjürgen Bulkowski Nach dem Kino – Fiktionen und Realien. Es umfasst eine ganze Reihe unterschiedlicher Textformen: Prosa – Prosagedicht – Gedicht – Reportagen – Erzählungen – Aufzeichnungen. Das einzige Gedicht, Poem von der verschobenen Achse des Erdteils, geschrieben in der Nacht vom 16. bis 17. Dezember 1989, setzt sich mit den Veränderungen der Welt durch den Mauerfall auseinander. In vier langen Strophen wird eine Fülle von Aspekten angerissen, die auf mannigfache Weise zum Nachdenken anregen. Das aber tun auch die anderen Formen, in denen sich der Autor als extrem genauer Beobachter seiner Zeit und ihrer Erscheinungen zeigt. Mit präzisem Gespür für die sprachlichen Mittel schildert er seine Beobachtungen und Gedanken.Wer mehr als bloße Unterhaltung sucht, ist hier richtig.  

Friedhelm Schmitz

Ulrich Erckenbrecht: Elefant Kette Fuß bunne.  Ausgewählte Gedichtsel. 224 S. Brosch. Muriverlag, Kassel, 2003. ISBN 392249420X. € 6,00

Norbert Peltzer: Von den Früchten dieses Baumes. Gedichte für die Romantik im neuen Millennium. 77 S. Brosch.Cornelia Goethe Literaturverlag, Frankfurt /M. 2003. ISBN 3-8267-5409-3. € 6,40

Liesel Willems: Das Übliche. Gedichte. 80 S. Brosch. Sassafras Verlag, Krefeld, 2003.

ISBN 3-922690-86-6. € 9,00

Hansjürgen Bulkowski: Nach dem Kino. Fiktionen und Realien. Ehrenworte – Band 1. 102 S. Brosch. XIM Virgines Editio Libri, Düsseldorf, 2003. ISBN 3-934268-28-5. €  12,00

Üppige Kargheit

„noch halten worte still“

Nicht nur Ralph Giordano war von Rainer Strobelts jetzt in zweiter Auflage erschienenem „telegramm an gryphius“ begeistert. Mir ging es genau so, als ich das Gedichtbändchen aufgeschlagen hatte. Zuklappen war erst nach dem letzten der 82 Gedichte möglich. Und vieles wirkte hinterher noch nach.

Was sich da über 126 Seiten in sechs Abschnitten ausbreitet, ist ein buntes Kaleidoskop teil tiefsinniger, teil humorvoller, immer aber interpretationsoffener Kürzestgedichte, die in ihrer Originalität ständig neues Nachdenken auslösen. Der Verzicht auf Großschreibung und Zeichensetzung ist da nur folgerichtig. Wenn sich gelegentlich Reime zeigen, wirkt das wie unbeabsichtigt, aber strategisch wohlüberlegt.

Der thematische Bogen umfasst unsere Welt im Großen wie im Kleinen, 82 Texte bieten schließlich eine ganze Fülle unterschiedlichster Aspekte. Nachspürenswert ist jeder angedeutete Gedankengang. Nur zwei Beispiele seien als Beleg dafür zitiert:

            telegramm an gryphius

            wieder geht ein heer

            erde wankt wie meer

            regale

            blicke

            alles leer

            käfer atmet schwer

und

            heranwachsen

            wie lange noch

            bis

            ich lügen darf 

Die zum Lesen investierte Zeit lohnt sich in jedem Fall, kurz wie sie ist; zum Nachdenken braucht man etwas länger. Übrigens: Die 12 Illustrationen von Tamara Bo³dak-Janowska passen in Stil und Aussage mehr als gut zu den Texten.

Friedhelm Schmitz

Rainer Strobelt: telegramm an gryphius. Gedichte. Tb. 126 Seiten. Peter Segler Verlag, Freiberg. 2. Auflage 2004. ISBN3-931445-02-X

Sprechen über Sprache (Rezension, 17.07.2005)

Seit wenigen Wochen ist ein neues Buch von Dieter E. Zimmer (Jahrgang 1934) auf dem Markt, dessen Lektüre allen an Sprache Interessierten nur ganz dringend empfohlen werden kann: „Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit“.

Der Nestor der (in gutem Sinne) feuilletonistischen Sprach- und Literaturkritik, Übersetzer, Herausgeber, Buchautor und ehemalige ZEIT-Redakteur hat damit nach seinen gleichfalls höchst lesenswerten bisherigen Beiträgen zum Thema („So kommt der Mensch zur Sprache“, „Deutsch und anders“, „Die Bibliothek der Zukunft“ u. a.) einen weiteren Markstein feuilletonistischer, zugleich aber sprachwissenschaftlich fundierter Sprachbetrachtung vorgelegt, der gerade für Autoren zur Pflichtlektüre werden sollte, weil er eine Fülle von Einsichten vermittelt, die letztlich nur positive Auswirkungen für das eigene Schreiben haben können.

Dabei ist Zimmers eigene Sprachkompetenz alles andere als trocken, trotz der Nüchternheit, mit der er die Liste seiner Themen abarbeitet:

„MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN

Sprachkritik und Sprachwissenschaft – Ein folgenreicher Dissens

„Die Intelligens [sic] stirbt aus“

Sehr beschränkt, der Code

McDeutsch

Die Fehde um die rechtere Schreibung

Chronik der Rechtschreibregelung

DENKEN & SPRECHEN

Das zutreffende Wort

Gesucht: die universale Sprache des Geistes

Die Farbe „Blün“

Was steckt in einem Wort?

Ein angeborener Sprachcomputer?“

Abgerundet wird die hervorragende Darstellung mit wissenschaftlich fundierten Anmerkungen und umfangreichen und sinnvollen Literaturhinweisen.

Friedhelm Schmitz

Bibliographische Angaben:

Dieter E. Zimmer: Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit. 368 Seiten. Leineneinband. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. ISBN 3-455-09495-3.

€ 23,00

 

Toxologie

Rezension der Trilogie von ToX: As Wasser — As Lem — Da Tod     (veröffentlicht bei keinVerlag)

Die Überschrift meines Beitrags erinnert an den Begriff „Doxologie“ (= formelhafter Lobpreis der Dreifaltigkeit). Die Assoziation, die damit ausgelöst werden könnte, ist beabsichtigt. Es soll eine Lobrede auf ein bemerkenswertes Beispiel Tiroler Dialektliteratur sein, das – nicht zufällig – eine kleine Trilogie darstellt. Die Thematik dieser Trilogie ist rasch genannt: Das Leben im Allgemeinen – Das Leben im Besonderen (oder des Individuums) – Der Tod.

ToX (= Christian Daxer), der Autor, hat für seine Darstellung die eigene Muttersprache gewählt, den Tiroler Dialekt seines Heimatortes Kufstein. Welche Rolle diese Sprache für die Texte spielt, hat Klopfstock in ihrem Kommentar zu „As Wasser“ schon sehr einfühlsam herausgestellt: Das resignierende Akzeptieren der menschlichen Existenz in ihrer Absurdität wird durch die „Melodik“, den „Singsang“ der Mundart gleichsam auf Distanz gehalten, eigentlich Unerträgliches dadurch so gemildert, dass sich die Grundhaltung des jeweiligen Sprechers – Gleichmut – auf den Leser überträgt.

Die drei Teile der Trilogie unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht voneinander. Anders sieht es bei der Grundstruktur der einzelnen Texte aus.

Der erste Teil – „As Wasser“ – ist ein Gedicht aus neun vierzeiligen Strophen mit Kreuzreim.

Es beginnt recht harmlos mit dem Hinweis auf eine Wasserleiche, wobei „harmlos“ sich allerdings nur rechtfertigen lässt im Blick auf das, was nachfolgt. Von Strophe zu Strophe werden die Bilder grauenhafter und makaberer, um am Ende darin zu münden, dass sich der Sprecher selber – ohne weitere Fragen oder Gedanken – im Lebensfluss weitertreiben lässt.

Beim Lesen fühlte ich mich irgendwie an das „Panta Rhei“ des Heraklit (535 – 475 v. Chr.) erinnert. Der  Autor räumt ein, dass er sich mit dem griechischen Philosophen beschäftigt hat, bestreitet aber die Absicht, dessen Gedanken für die Allegorie seines Gedichtes zu Grunde gelegt zu haben. Das ist zweifellos richtig, denn das Gedicht ist in Gedanken, Bildern und Aufbau absolut eigenständig.

Der zweite Teil – „As Lem“ – ist ein Prosagedicht, d. h. eigentlich Prosa mit festgelegten Zeilen.

Bei einem Nachtspaziergang mit seinem Hund, um sich von Beziehungsproblemen abzulenken, stößt der Sprecher auf einen Mann, der ganz allein am Innufer sitzt. Durch den Hund kommt er mit diesem ins Gespräch. Das Gespräch, zunächst „Small Talk“ über Nebensächlichkeiten, kommt allmählich auf wichtigere Fragen. Schließlich werden dem Sprecher immer deutlicher die Parallelen zwischen dem Schicksal des Mannes und seinem eigenen bewusst. Als der Mann am Ende plötzlich verschwunden ist, erkennt der Sprecher, dass dieses Gespräch (möglicherweise) nichts als ein Selbstgespräch gewesen ist. Auch diesen Text kennzeichnet eine resignative Grundhaltung dem menschlichen Schicksal gegenüber:

„... ma ku’s net ändern.

Des, is as Lem.“

Wieder eine andere Form hat der dritte Teil – „Da Tod“ –.

Auf einen kurzen Bericht darüber, wie man einen einsamen alten Mann des Morgens tot in seinem Bett gefunden hat, folgen zwei Briefe, die sich im Nachlass des Toten befanden.

Der erste Brief ist alt. Darin hat der Tote – noch als junger Bursche – festgehalten, wie er einmal dem Tod begegnet ist. Der zweite Brief ist so neu, dass die Tinte noch feucht ist, also unmittelbar vor dem Sterben geschrieben worden. Er berichtet von der zweiten Begegnung des Verstorbenen mit dem Tod, der diesmal gekommen ist, ihn zu holen.

Beide Briefe erhalten ihre Bedeutung durch den Inhalt und die mustergültige Gestaltung der Dialoge zwischen dem Mann und dem Tod. Der Gleichmut, der schon die anderen Teile der Trilogie ausgezeichnet hat, findet hier seine Krönung:

„Und firchts eich bloss ned, wann enkare Zeit olaft:

Weil da Tod, des is a netter Kerl.“

Daxer selber berichtet über negative Erfahrungen mit diesen Texten in hochdeutscher Fassung. Ich bin geneigt, ihm Glauben zu schenken.

Ich selber habe nicht gezählt, wie oft ich die Texte inzwischen gelesen habe. Eins aber weiß ich ganz genau: Jedes neue Lesen war wieder ein Gewinn, und nicht etwa, weil ich den Tiroler Dialekt immer ein bisschen besser verstanden hätte. Damit habe ich schon bei der ersten Begegnung keine Probleme gehabt.

Anmerkung: 

Die drei Texte haben mich so gereizt, dass ich sie einfach übersetzen musste. Natürlich nicht ins Hochdeutsche, denn das beherrscht der Autor selber hervorragend genug. Also kam als Zielsprache nur eine meiner eigenen Mundarten in Betracht. Dabei habe ich mich für die Mönchengladbacher Variante des südniederfränkischen Platt entschieden. Das Ergebnis ist auf der Seite „Heimatgeschichten“ meiner Homepage nachzulesen.

Leider konnte ich sie nicht bei kV veröffentlichen, weil sie mit der „Rheinischen Dokumenta“ geschrieben sind, die eine lautgetreue Wiedergabe des Dialekts erlaubt, wie sie mit „normaler“ Schreibung nicht möglich wäre. Und Texte in rheinischer Dokumenta lassen sich bei kV nun einmal nicht veröffentlichen.  (30.07.2005)

Violettes Zimmer?

Vom Umweg zu einer Buchrezension

In dem Bücherstapel, den ich vor Monaten von meinem Herausgeber erhalten hatte, war auch ein schmales Bändchen mit dem Aufkleber „Zuschussverlag“. Bücher aus solchen Verlagen, bei denen der Herausgeber die Herstellungskosten selber tragen muss, werden normalerweise nicht rezensiert.

Da ich mir aber immer gern mein eigenes Urteil bilde, schlug ich das Büchlein trotzdem auf. Meine Lektüre war aber rasch zu Ende, denn gleich auf der ersten Seite fanden sich die falsche Möglichkeitsform „bräuchte“ (vgl. meinen Opinio-Beitrag „Die Rache des Dialekts“) und einige Zeichensetzungsfehler.  An einem Totalverriss konnte die junge Autorin wohl kaum Interesse haben.

Gestern fiel mir auf, dass meine Tochter (38) beim Lesen immer wieder schmunzelte und manchmal lachte. Zufällig hatte sie das kleine Buch gefunden, und nun las sie es mit wachsender Begeisterung. Da sie eigentlich auf Sprachfehler genau so allergisch reagiert wie ich selber, war ich ziemlich verwundert.

Das war für mich Anlass genug, das Büchlein am späten Abend doch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Und tatsächlich: Mir ging es wie meiner Tochter. Aus Rücksicht auf den Schlaf meiner Mitbewohner habe ich zwar lautes Lachen unterdrückt, aber aus dem Schmunzeln bin ich kaum heraus gekommen.

Zugegeben: Der Umgang der Autorin mit den Zeichensetzungsregeln ist extrem ungewöhnlich. Wörtliche Rede ist grundsätzlich in die Satzgefüge integriert, ohne durch Satzzeichen als solche gekennzeichnet zu sein. Aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Der Text ist die präzise Wiedergabe der Gedankenfolge einer jungen Frau mit ungewöhnlicher Perspektive auf ihre Umwelt. Daraus ergibt sich eine erstaunlich unterhaltsame Lektüre.

Die sieben Erzählungen „Kristall und Nebel“, „Traumhaus“, „Das violette Zimmer“, „In den falschen Bahnen“, „Nichts zu danken“, „Herbe Landschaft“ und „Als Großvater die Wirklichkeit einholte“ lohnen die Zeit, die man zum Lesen investiert.

Birke Meyer-Suchsland: „Das violette Zimmer“ und andere Erzählungen. 58 Seiten. Pappband. Frankfurter Literaturverlag, 22004. ISBN 3-8267-5342-9. € 7,40

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