Traumatisierung    (22.04.2006)  (22.04.2006)

 

 Henkelmänner (Foto: hytta.de)

Als ich sie erlebte, war noch keine Rede davon. Wenigstens hatte ich nie davon gehört.

Immerhin habe ich es vorhin gewagt, mir bei PHOENIX die Sendung „Trümmerjahre an Rhein, Ruhr und Weser“ anzusehen. Es war, wie ich schon befürchtet hatte. Die zeitgenössischen Filmaufnahmen weckten so viele Erinnerungen, dass es nicht ohne Tränen abging. Aber ich war ja allein. Bei der Sequenz über die „Schulspeisung“ habe ich allerdings nicht geweint. Ganz im Gegenteil!

Da unsere Mutter in den Nachkriegsjahren über keinerlei „Beziehungen“ verfügte, haben wir nie etwas von den berühmten „CARE-Paketen“ gesehen. Aber immerhin gab es die Schulspeisung, an jedem Schultag einen Schlag Suppe in den Henkelmann: Biskuit- oder Erbswurstsuppe, selten mit kleinen Wurststückchen darin.

Ich hatte mir angewöhnt, die Suppe unangetastet mit nach Hause zu nehmen, damit mein kleiner Bruder und meine Mutter auch etwas davon mitbekamen. Leider war mir der Deckel des Henkelmanns geklaut worden.

Auf dem Heimweg – irgendwann im Herbst 1946, ertönte plötzlich hinter mir höllisches Gelächter. Und gleich sah ich die Bescherung: Ein Klassen„kamerad“ hatte sich von hinten angeschlichen und eine Handvoll Straßendreck in meine Suppe geworfen. Ausgerechnet einer der Stärksten! Aber daran dachte ich gar nicht erst, als ich ihm postwendend die Suppe über den Kopf schüttete. Weil es mir dabei aber siedend heiß einfiel, schickte ich sofort noch eine kräftige Gerade auf seine Nase hinterher. Aber der „starke“ Herbert hatte vor Verblüffung seine „Stärke“ offenbar völlig vergessen. Komisch, er hat nie mehr auch nur das Geringste gegen mich unternommen. Auch später nicht. Vielleicht hatte ihn das ja auch „traumatisiert“.

 

0 Jahren

Mein Kriegsende 1945 

Der strahlend blaue Himmel über New York am 11. September 2001 wird wohl für alle Zeit den unzähligen Menschen im Gedächtnis bleiben, die mit ungläubigem Entsetzen auf den Bildschirm starrten und das unfassbare Geschehen nicht begreifen konnten.

 

 Elbenau, Liesekuhle mit Kinderheim (Postkarte)

Genau so blau war der Himmel an jenem Tag vor rund 60 Jahren Mitte  April 1945 über dem Dörfchen Elbenau, Kreis Schönebeck/Elbe, dessen traumatische Ereignisse bis heute mein Leben überschatten. Seit einem knappen Jahr lebte ich dort, inzwischen neuneinhalb Jahre alt, mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder (5), evakuiert aus Rheydt, geflohen in die vermeintliche Sicherheit, weil die Terrorangriffe der Alliierten, die seit Mai 1940 systematisch die deutsche Zivilbevölkerung mit Bombenteppichen belegten, unerträglich geworden waren. Und nun waren die Amerikaner bis zur Elbe vorgestoßen, und das kleine Dorf, drei Kilometer östlich des Flusses, lag schon seit Tagen unter schwerem Artilleriefeuer und Bombenhagel.

Am Vortag war der Hof, auf dem wir einquartiert waren, in Brand geschossen worden, und wir hatten uns in ein zweihundert Meter entferntes Kinderheim geflüchtet, das einen Luftschutzkeller besaß.

Und den mussten wir jetzt, am späten Vormittag, verlassen, weil mittlerweile auch das Heim getroffen war und in Flammen stand. Wir, das waren jetzt etwa fünfzig Kinder vom Babyalter bis zu vierzehn Jahren, ein paar Mütter und Pflegerinnen, kein einziger Mann. Unser Ziel war der fünf- bis sechshundert Meter entfernte Wald. Abschnitt für Abschnitt rannten wir durch den langen Baumgarten des Heims, immer wieder von den heranheulenden Granaten zu Boden gezwungen. So schafften es alle bis zu den Feldern.

Kaum aber hatten wir die letzten Obstbäume hinter uns gelassen, waren sie plötzlich da: sechs amerikanische Jagdflugzeuge mit ihren weißen Sternen, kaum zehn Meter über der Erde, die jungen Pilotengesichter deutlich erkennbar. Pausenlos kurvten sie über uns umher und beharkten uns mit ihren Bordwaffen, deren Garben blitzschnell lange Reihen von erdfarbenen Pilzchen aus dem Boden zauberten. Immer wieder mussten wir uns hinwerfen, aber gleichzeitig versuchen, den schützenden Waldrand zu erreichen.

Wie das meiner Mutter, meinem kleinen Bruder und mir gelingen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel, denn weniger als die Hälfte unserer Gruppe hatte dieses Glück. Noch immer gellen mir die Schreie der Hausmeisterin im Ohr, die innerhalb weniger Minuten ihre sieben Kinder verloren hatte.

Dass auch wir Überlebenden längst nicht in Sicherheit waren, merkten wir eine knappe halbe Stunde später: Jetzt konzentrierten sich Artillerie und Bomber nicht mehr auf das weitgehend zerstörte Dorf, sondern mehr als zwei Tage lang auf das Waldstück, in dem wir Zuflucht gesucht hatten. Auch dieses Inferno aus Heulen, Krachen, Wimmern, Erdfontänen, zersplitternden Bäumen und zerfetzten Menschen durfte ich mit meinen Lieben überleben, sogar unverletzt. Es war ein Wunder, aber die höllischen Bilder und Geräusche sind unauslöschlich in meine Seele eingebrannt.

Solch grässliche und schlimmere Erlebnisse wären unzähligen Menschen erspart geblieben, wenn mehr Deutsche dem heraufkommenden Unheil des Nationalsozialismus entschiedener und rechtzeitig in die Speichen gefallen wären, wie Dietrich Bonhoeffer formulierte, der es selbst versucht hat.

Als ihm klar wurde, dass Hitler ein Verbrecher war, da hat er sich in der Bekennenden Kirche engagiert und mit den Leuten des Widerstandes  zusammengearbeitet, die Hitler umbringen wollten.

„Wenn ein Betrunkener auf der Straße herumkurvt und sich und andere gefährdet, dann kann man nicht am Straßenrand mit dem Verbandpäckchen warten, bis etwas passiert ist. Man kann nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, man muss dem Rad in die Speichen fallen!”,  hat er gesagt.

Und er hat es nicht nur gesagt. Er hat es versucht. Dafür wurde er am 5. April 1944 verhaftet. Aber erst nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 konnte die Gestapo ihm seine Widerstandstätigkeit nachweisen. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner, am 9. April 1945, wurde er im KZ Flossenbürg erhängt.

Sein älterer Bruder Klaus Bonhoeffer, Leiter der Rechtsabteilung der Deutschen Lufthansa, der ebenfalls dem Widerstand angehörte, wurde am 1. Oktober 1944 verhaftet und am 23. April 1945 durch Genickschuss hingerichtet.

Die Brüder Bonhoeffer sind nur zwei Beispiele  für das  mutige Eintreten gegen ein verbrecherisches System. Es waren viele, die sich so verhielten, aber insgesamt doch viel zu wenige. Umso mehr sollte deshalb ihr Beispiel im Gedächtnis bleiben, wie auch das des ”Predigers von Buchenwald”, des evangelischen Pfarrers Paul Schneider aus dem Hunsrück, der schon am 18. Juli 1939 umgebracht wurde. Papst Johannes Paul II. würdigte Paul Schneider im Jahr 2000 stellvertretend für alle Protestanten, die die Treue zum christlichen Glauben mit ihrem Leben bezahlten. Die katholische Kirche zählt ihn seit 2003 zu den „Blutzeugen des 20. Jahrhunderts”.

 

 

Mein schönstes Erlebnis aus dem Sommer 1943

Kaum eineinhalb Jahre vorher hatte ich auch ein wunderbares Erlebnis, und zwar in Dresden.

Wir hatten die erste Evakuierung (1942 in das hessische Reiskirchen) abgebrochen, weil unsere Nachbarschaft im Dorf meiner Mutter allzu sehr gezeigt hatte, dass sie sie als schlechte Mutter ansah. Meine Mutter hatte es nämlich nicht geschafft, meinem zweijährigen Bruder sein allnächtliches Schreien abzugewöhnen. Damit fing er jede Nacht zur selben Zeit an und war durch nichts zu beruhigen. Es war genau die Zeit, zu der zu Hause die regelmäßigen Bombenangriffe stattgefunden und wir alle in den Luftschutzkeller gemusst hatten.

Da jedoch in meiner Heimatstadt Rheydt die Sache mit den Angriffen immer schlimmer wurde, meine Mutter aber nach dem Erlebnis in Reiskirchen eine neue Evakuierung nicht wagen wollte, waren wir schließlich einer Einladung von Bekannten nach Dresden gefolgt, wo es damals praktisch keine Luftangriffe gab. Seltsamerweise schrie auch mein kleiner Bruder dort nicht mehr.

Neben vielen schönen Erlebnissen, wie Freibadbesuchen, Ausflügen in die wunderbare Umgebung der Stadt, Dampferfahrten in die Sächsische Schweiz mit Besteigung der Bastei usw. war es jedoch vor allem ein Erlebnis, das mich damals am tiefsten beeindruckt hat: Wir besuchten einen Serenadenabend im Zwinger. Es war ein warmer Spätsommerabend, das Orchester spielte wunderbare Musik, ich glaube, sie war von Mozart und Mendelssohn-Bartholdy, und das Ballett war einfach zauberhaft. Daran gemessen, waren alle anderen schönen Erlebnisse zweitrangig.

Aber schön waren auch die Ausflüge. Verpflegung nahmen wir selten mit. Stattdessen kehrten wir über Mittag in Gasthöfen ein. Da es wegen der Lebensmittelrationierung kaum Fleisch gab, waren die Küchen in der Gegend auf einen glänzenden Ausweg gekommen: Es gab eine geradezu unglaubliche Fülle verschiedenartigster Pilzgerichte: Pilze als Steaks, Ragouts, Salate und Suppen. Und ein Gericht war köstlicher als das andere.

Es gab jedoch auch weniger schöne Erfahrungen. Da ich im Jahr zuvor in die Schule gekommen war, musste ich natürlich auch in Dresden-Briesnitz, wo wir wohnten, zur Schule gehen. Das aber fand ich schrecklich. Zwar war ich noch in Rheydt ganz stolz mit der Hakenkreuzfahne durch Geneicken marschiert, wenn unser Kindergarten einen Umzug veranstaltete, aber was ich in Dresden erlebte, war für mich der blanke Horror. Dass man sich vor Beginn des Unterrichts aufzustellen hatte, war ja noch normal. Aber hier war alles geprägt von militärischem Drill. Nur im Gleichschritt ging es bis in den Klassenraum, auf Kommando hatte man sich zu setzen, und wenn man sich melden wollte, musste man ganz bestimmte Regeln befolgen. Selbstverständlich durfte man auch nicht sitzen, wie man wollte. Der Höhepunkt des Horrors waren die Pausen! Unter dem Kommando von BDM-Mädchen ging es auf den Schulhof. Und da wurde exerziert. Die Zeit, das mitgebrachte Butterbrot zu essen, war ganz knapp bemessen, ja, man musste fast auf Kommando ins Brot beißen. Und wehe, man wollte zur Toilette gehen. Ohne militärisch einwandfreie Meldung der entsprechenden Bitte war da nichts zu machen. Nein. Heute neige ich fast zu der Annahme, meine Mutter ist damals meinetwegen wieder mit uns nach Hause zurück gekehrt. Leider habe ich sie nie danach gefragt, und jetzt ist sie schon fünf Jahre tot.

Im folgenden Frühsommer war die Lage in Rheydt allerdings so schlimm, dass wir noch einmal evakuiert wurden. Diesmal nach Elbenau (s. o.).  

 

 

Mit meiner Mutter in der Lüneburger Heide bei Ottersberg (Foto handkoloriert von meinem Vater)

 

Wunderschöner Sommer

mit dunklen Wolken

Mein letztes schönes Erlebnis vor dem 2. Weltkrieg war ein Urlaub mit Vater und Mutter in der Lüneburger Heide.

Organisiert war der Aufenthalt vom 11. bis 19. August 1939 in Ottersberg durch die nationalsozialistische Ferienorganisation KDF (Kraft durch Freude). Untergebracht waren wir privat bei einer Familie Böschen mit einer Tochter, die ein paar Jahre älter war als ich.

Meine Mutter mit mir und Familie Böschen in Ottersberg, mein Vater hat das Foto gemacht

Bei der Fülle der neuen Eindrücke erscheint mir die kurze Woche im Rückblick unendlich lang gewesen zu sein. Mit dem Wetter hatten wir sehr viel Glück, die Sonne schien jeden Tag. So konnten wir täglich etwas unternehmen und die herrliche Landschaft erkunden. Vater ließ uns einen Tag allein, um mit einer Urlaubergruppe einen Ausflug nach Bremen zu machen. Aber das war nicht schlimm.

 

Schlimmer war da schon, was ich mir in Böschens Garten erlaubte. Herr Böschen hatte wohl das, was man gern einen grünen Daumen nennt. Auf einem Beet ragte ein junges Apfelbäumchen empor, für mich damals riesengroß. Und oben schwebten etwa ein Dutzend wunderschöne Äpfel. Davon hätte ich gar zu gerne einen gehabt. Am dritten oder vierten Morgen war dann die Versuchung all zu groß. Ich war ganz allein draußen, weil die anderen noch beim Frühstück saßen. Und die Äpfel lachten mich an. Ganz vorsichtig, um ja keine Spuren zu hinterlassen, betrat ich das sauber geharkte Beet. Als ich dann unendlich behutsam das Stämmchen schüttelte, prasselten alle Äpfel herab. Keinen einzigen davon konnte ich mehr aufheben, sondern nur noch tränenüberströmt zum Früstückstisch laufen und meine Untat beichten. Aber Herr Böschen erwies sich als unglaublich liebevoll und großzügig: Er las die Äpfel selber auf, und ich durfte so viele davon essen, wie ich wollte. Er tröstete mich sogar noch, indem er erklärte, er hätte sie schon früher ernten müssen. Jetzt seien sie schon fast überreif.

Beim Spielen im herrlichen feinen Sand am Wehrmeistersee

In lebhafter Erinnerung sind mir auch die herrlichen Wanderungen zum Otterstedter- und Wehrmeistersee und der Eindruck der blühenden Heide insgesamt. Weniger glücklich war jedoch der vorletzte Tag unseres Aufenthalts.

Mutter mit mir vor einem alten Bauernhof in Ottersberg

Auf dem Dorfplatz von Ottersberg hatte man etwa hundert Pferde zusammengetrieben, um sie abzutransportieren. Es hieß, sie seien beschlagnahmt worden, um sie der Kavallerie zuzuführen. Die Erwachsenen machten ernste Gesichter und ich hörte immer wieder das Wort Krieg, unter dem ich mir damals noch nichts vorstellen konnte. Aber die bedrückte Stimmung auch meiner Eltern ließ mich nicht mehr so glücklich sein wie zuvor.  

Dass mein Vater noch im selben Jahr zum Militär eingezogen und uns für neun Jahre entzogen werden sollte, haben zwar damals wohl auch meine Eltern nicht geahnt, geschweige denn ich selber. Aber was Krieg ist, konnte ich in den folgenden Jahren nur all zu deutlich lernen. Als im folgenden Februar mein kleiner Bruder geboren wurde, war der Krieg schon in vollem Gange.

  

 

 

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